Hallo, was kostet der?“

Das?“

Der Verkäufer zeigt auf einen Topf und sagt:

„4€“

Nein, der.“

Ich zeige auf den Schlumpf.

Ach der. 2€.“

 

Das war der erste DDR Schlumpf, den ich mir 2009 auf einem Flohmarkt in Leipzig kaufte.

 

#a1leipzigagrajul09

 

Zum ersten Mal sah ich sie in dem Schaufenster einer Galerie auf der Karl-Heine- Straße in Leipzig. Es handelte sich um eine Zwischenausstellung für die Sommerpause. Durch eine Spiegelfolie an den Wänden sah es aus, als wären es unendlich viele. Jedes Mal blieb ich stehen, wenn ich dort vorbeiging und schaute mir mit anderen diese selbstgebastelten, bunten Unikate an.

Jetzt hatte ich selbst einen und dieser Eine hätte mir gereicht.

Jahre später in Frankfurt am Main, ehemaliges Westdeutschland, sah Daniel ihn und fragte, was das ist. Ich erklärte ihm, dass es in der DDR keine Schlümpfe gab, aber die Kinder konnten sie im Westfernsehen sehen und wollten sie auch haben, also nähten Tanten, Onkel, Omas, Opas, Hobbyschneider usw. sie aus Stoffresten eben selbst. Er bat mich, diesen Sammler zu fragen, ob ich sie fotografieren dürfte, weil er diese Geschichte gerne weitererzählen wollte. Über die Galerie bekam ich seine Adresse und schrieb ihm einen Brief, den er mit einer freundlichen Absage (aus Zeitgründen) beantwortete. Daraufhin beschloss Daniel: Dann sammel ich sie selbst! Das war 2013. Nun sind über 100 zusammengekommen und eine kleine Auswahl befindet sich hier. Der Hauptteil besteht aus selbstgenähten aus dem privaten Umfeld, einige wurden auch limitiert hergestellt, hauptsächlich für den Export nach Russland.

Ein Verkäufer schrieb mir auf meine Nachfrage nach Infos über ihn:

„Hallo! Soweit ich weiß, ist er aus der DDR-Zeit und wurde damals von einer Mitarbeiterin im Teppichwerk Malchow angefertigt. Eine genauere Zeit der Herstellung würde ich morgen früh bei meiner Frau erfragen, denn sie hat den Schlumpf damals als Kind geschenkt bekommen. Ich melde mich dann morgen. Ihnen erst mal noch einen schönen Abend. Viele Grüße R.P.

„Hallo nochmal. Meine Frau meint, dass der Schlumpf aus den frühen 1980er Jahren ist. Viele Grüße“ „Und nochmal Hallo, ich habe am Wochenende nun mit meinem Schwiegervater darüber gesprochen. Er kann sich leider nicht mehr an den Namen der Frau erinnern, die ihn genäht hat. Er meinte aber, dass es die Schlümpfe sowohl beim Teppichwerk, als wohl auch beim Jeanswerk in Malchow gab. Sie wurden von einigen Näherinnen nach Feierabend gefertigt und es gab sie natürlich nur mit sehr langen Wartezeiten und meistens über Beziehungen. Ab und an wohl sogar kurzzeitig mehr oder weniger offiziell. Ansonsten konnte er sich erinnern, dass die Näherin einen Sohn hatte, der um die Wende herum eine Fleischerlehre begonnen hat. Daran kann er sich erinnern, weil er selbst Fleischer ist.“

oder eine weitere Antwort auf meine Nachfrage:

„Hallo, ein paar Infos kann ich Ihnen senden. Eine Schneiderin hier aus Fürstenwalde/Spree hat in den 80er Jahren, als die Schlümpfe in den Hits waren, diesen angefertigt. 50,00 Ostmark war der Preis. Meine Tochter war klein und wollte einen Schlumpf. Heute für die Tochter uninteressant und wegschmeißen wollte ich den Armen auch nicht. Die Schneiderin lebt nicht mehr. Alles Gute und viele Grüße von Frau R.“

Eine Näherin bekam ich bis heute leider nicht zu Gesicht oder zu einem Gespräch, obwohl ich jedes Mal nachfragte, wenn ich einen im Internet oder auf den verschiedenen Flohmärkten in Ostdeutschland gefunden hatte. Vielleicht ergibt es sich nochmal.

Obwohl die DDR offiziell Gleichheit propagierte, führte gerade der Mangel an Konsumgütern und der dadurch entstandene Zwang zur Improvisation dazu, dass viele Dinge individuell und einzigartig wurden – so wie auch diese Schlümpfe. Kinder im Westen sammelten industriell hergestellte, identisch aussehende Schlümpfe.

Auffällig ist, dass sich manche DDR Schlümpfe sehr ähneln. Dies könnte darauf hindeuten, dass bestimmte Vorlagen oder Schnittmuster im privaten Umfeld oder in Schulen und Betrieben weitergegeben wurden. Belegen lässt sich dies heute nur schwer, doch die wiederkehrenden Formen und Details sprechen dafür, dass nicht jede Figur völlig frei entworfen wurde.

Sicher haben sich viele Kinder über diese selbstgenähten Geschenke gefreut, sehr gut kann ich mir aber genauso die Enttäuschung mancher Kinder vorstellen, wenn sie diese Ersatz-Schlümpfe geschenkt bekamen, die oftmals noch nicht mal in den richtigen Farben blau/weiß genäht wurden. Sie dienten dann eher den Erwachsenen als Deko in den Wohnzimmern.

Es scheint paradox, wenn man in die teilweise mit Filzstiften gemalten Augen sieht und sie zu sagen scheinen

WIR SIND NICHT ALLE GLEICH

Wir sind jedenfalls froh, einige dieser Unikate mit ihrer Geschichte, soweit sie nachvollziehbar gemacht werden konnte, vor der Mülltonne gerettet zu haben.

Auf den Rückseiten mancher Bilder befinden sich DDR-Fakten – zwischen absurd und grausam –, damit diese Geschichte nicht als bloße Ostalgie missverstanden wird und ihr historischer Kontext präsent bleibt.

zu Daniels Text: Den Begriff  der Feindesliebe in diesem Zusammenhang finde ich eher schwierig, aber wir sind eben nicht alle gleich.

Soni Weyrauch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Begriff der Feindesliebe findet sich in vielen großen Religionen – sei es im Hinduismus im Prinzip der Gewaltlosigkeit (Ahimsa) oder im Christentum in der Bergpredigt (Matthäus 5,43–48). Definiert man Feindesliebe im weiteren Sinne als eine Grundhaltung, die dem vermeintlichen Feind nicht mit Hass, sondern mit Menschlichkeit begegnet, lassen sich die handgefertigten DDR-Schlümpfe für mich als ein alltagshistorisches Beispiel dafür interpretieren.

Der historische Kontext des geteilten Europas war durch eine tiefgreifende ideologische Konditionierung geprägt: Ab den 1950er-Jahren stellte die staatliche Propaganda im Ostblock den kapitalistischen Westen systematisch als imperialistischen Feind dar. Als die Schlümpfe ab den 1970er- und 1980er-Jahren im Westen zum popkulturellen Phänomen wurden, blieben sie Kindern im Osten größtenteils verwehrt, da sie vom System des Klassenfeindes kamen.

Hier setzt die psychologische Dynamik des Nachnähens ein. Die Mütter, Väter, Omas und Tanten waren in der Regel keine politischen Dissidenten. Dennoch taten sie – völlig unbewusst – etwas psychologisch Revolutionäres: Sie gaben ihren Kindern ein Stück Kultur des offiziellen Feindes in die Hand. Ohne es zu wissen, reichten sie den Kindern genau das weiter, was sie laut Staat eigentlich hassen sollten – und machten es zu einem Objekt der Liebe und Geborgenheit im Kinderzimmer.

Auch die Kinder verstanden in diesem Moment die politische Dimension nicht. Für sie war es kein „westliches Konsumgut“, sondern einfach ein geliebtes Spielzeug. Doch genau darin liegt die tiefere Wirkung: Der Begriff der Feindesliebe wird hier vielleicht auf ganz neue Weise erweitert – indem man den Kindern im prägenden Alter etwas in die Hand gab, das den Feind im Nachhinein liebenswert erscheinen ließ. Diese emotionale Bindung untergrub im Stillen die staatliche Feindbild-Propaganda.

Diese handgemachten Schlümpfe sind weit mehr als ein bloßes Zeugnis von Improvisationstalent. Darin sehe ich eine lebensweltliche Erweiterung des Begriffs der Feindesliebe: Es ist der Moment, in dem die Liebe zum Kind das politische Feindbild im Alltag einfach auflöste.

Mein persönlicher Blick auf dieses Thema ist durch meine eigene Biografie eingefärbt: Mein Leben wurde real durch den Eisernen Vorhang mitbestimmt. Da ein Teil meiner Familie im Westen und der andere im Osten – in der damaligen Tschechoslowakei (ČSSR) – lebte, habe ich schon als Kind beide Systeme als normal privilegierter Mensch kennengelernt. Diese Erfahrung des wiederholten Grenzgangs hat meinen Blick dafür sensibilisiert, wie Ideologien künstliche Trennungen schaffen.

Dieses  Gedankenexperiment soll ausdrücklich keine unkritische „Ostalgie“ bedienen oder das DDR-System verharmlosen.

Deshalb befinden sich auf vielen Rückseiten der Figuren in dieser Dokumentation historische Fakten, die das DDR-Unrecht ungeschönt thematisieren.
Im Voraus freue ich mich auf die Diskussion.

Daniel Koukol

 

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